VERGANGENHEIT DER KIRSCHBAUMMÜHLE

Beitrag auf TVO zur Historie der Kirschbaummühle: Ein Fall für Dippold: Zukunft & Vergangenheit der Kirschbaummühle in Lichtenfels

Unterwegs mit Bezirksheimatpfleger Günter Dippold: Wer durch die Lichtenfelser Innenstadt, vorbei am Schützenplatz, fährt, der hat sie wahrscheinlich schon bemerkt – die Kirschbaummühle. Das über 2.000 Quadratmeter große Gebäude ist kaum zu übersehen und in einem alles andere als guten Zustand. 2026 soll hier das Forschungs- und Anwendungszentrum für digitale Zukunftstechnologien, kurz FADZ, einziehen. Doch bevor die alte Mühle in ein modernes Forschungszentrum umgebaut wird, blicken wir auf die Geschichte der ehemaligen Getreidemühle zurück. Und zwar gemeinsam mit Bezirksheimatpfleger Günter Dippold. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts war die damalige Getreidemühle mit der neusten Technik ausgestattet.

Ein Fall für Dippold: Zukunft & Vergangenheit der Kirschbaummühle in Lichtenfels

2024

Baudurchführungsbeschluss des FADZ Zweckverbands

In der Sitzung des FADZ Zweckverbands am 12.07.2024 wird der Baudurchführungsbeschluss für die Kirschbaummühle gefasst.

2023

Notarielle Übertragung der Kirschbaummühle von der Stadt Lichtenfels auf den FADZ Zweckverband

Frühjahr 2019

Erwerb der Kirschbaummühle durch die Stadt Lichtenfels

Bewegte Vergangenheit - Besitzverhältnisse der Kirschbaummühle seit 1348

Eine 670-jährige Wirtschaftsgeschichte in Lichtenfels

Im Rahmen einer denkmalpflegerischen Gebäudeanalyse wurde die Geschichte des Gebäudes 2020 umfassend durch Christiane Reichert, Büro für Kunst- und Denkmalpflege aus Bamberg untersucht. Dabei wurden mittels Archivrecherche auch die unterschiedlichen Besitzverhältnisse der mindestens 670-jährigen Mühlengeschichte zusammengefasst. Besonders ab dem 19. Jahrhundert sind die Veränderungen und Umbauten immer besser dokumentiert. Mit Beginn der Industrialisierung in Lichtenfels liegen auch mehr und mehr Bilddokumente, Baupläne und Fotografien vor.

 

Zeitraum Besitzer / Eigentümer Art des Besitzes / Bemerkungen
vor 1348 – 15. Jh. Bischöflicher Besitz Mainmühle als Teil des kirchlichen Mühlenwesens
1432 „Otten Milner“ Pächter der Mahl- und Sägemühle
frühes 16. Jh. – ca. 1630 Familie Schreiber Langjährige Müllerfamilie; Neubau 1536
17. Jh. Familien Mitlacher, Greiner, Rebhan Abfolge von Mühlenbesitzern
spätes 18. Jh. Georg Paulus Körber, Jakob Rebhan Fortführung des Mühlenbetriebs
1805–1808 Michael Wolfgang Schneemann Übergang über Erbfolge
1808–1819 Andreas Zang Eigentümer; grundlegender Neubau 1818
1819–1828 Margaretha Zang (Witwe) Übergangseigentum
1828–1857 Johann Wittig Erwerb aus Erbmasse
1857–1901 Heinrich Wittig, später Witwe Elise Wittig Familienbetrieb
1904–1908 Johann Endres Erwerb durch Zwangsversteigerung
1908–1910 Witwe Endres Übergang
1910–1916 Johann Michael Kirschbaum Namensgeber der Mühle
1916–1918 Margareta Kirschbaum (Witwe) Fortführung
ab 1918 Otto Max Hanitzsch (Familie Hanitzsch) Großbetrieb, Industrialisierung
ab 1950 OHG Hanitzsch Familienbetrieb mit mehreren Teilhabern

 

Andreas Zang (1808–1819)

  • vollständiger Abbruch der alten Mühle
  • Neubau eines zweigeschossigen Mühlengebäudes (1818)
  • repräsentative Straßenfassade
  • Planung eines Eisenhammers (nicht realisiert)

Familie Wittig (1828–1904)

  • stabiler Mühlenbetrieb über mehrere Generationen
  • Nutzung als Mahl-, Loh- und Schneidmühle
  • Umbauten im 19. Jh.: Wohnnutzung erweitert, Umbau einer Schneidmühle zum Wohnhaus (um 1870)
  • Brand der Schneidmühle 1892, anschließender Wiederaufbau
  • Stilllegung 1903, Zwangsversteigerung 1904

Johann Michael Kirschbaum (1910–1916)

  • grundlegende technische Modernisierung
  • Bau eines Wasserkraftwerks (1910/11) mit Kaplanturbinen
  • Neubau des Wehrs → Beseitigung des historischen „Flößerlochs“
  • Umbauten 1914/15: Abbruch alter Stallungen, neuer Anbau, Zwerchhaus auf der Wasserseite, weitgehende Versteinerung des Gebäudes
  • Entwicklung zur modernen Kunstmühle
  • starke Bedeutung für regionale Stromversorgung

Familie Hanitzsch (ab 1918)

Betriebliche Entwicklung

  • Ausbau zu einem führenden Mühlenunternehmen in Oberfranken
  • Beibehaltung des Namens „Kirschbaummühle“

Bauliche Entwicklung

  • 1921/22: Neubau des Getreidesilos
  • 1922/23: Neubau der Villa im Stil einer großbürgerlichen Wohnvilla
  • 1927: Neugestaltung des Hofraums mit Einfriedung
  • 1932: vollständiger Neubau des Mühlengebäudes: moderner Industriebau, Getreidereinigungsturm

Nachkriegszeit

  • Umwandlung in eine offene Handelsgesellschaft (OHG) 1950
  • Brand 1950: schwere Zerstörungen an Mühle, Silo und Kraftwerk
  • 1950/51 Wiederaufbau: vergrößerter Reinigungsturm, Erhöhung des Silos, technische Erneuerung
  • Betrieb als eine der modernsten Mühlen Süddeutschlands
  • Beendigung des Mühlenbetriebs 1954
  • Verkauf des Elektrizitätswerks an das Überlandwerk Oberfranken AG Bamberg 1961
  • Verkauf der Kirschbaummühle 1964

1961

Verkauf der Wasserkraftanlage an das Überlandwerk Oberfranken AG Bamberg (heute SÜC Städtische Werke Überlandwerke Coburg)

Februar 1954

Aufgabe des Mühlenbetriebs und Verkauf der Mühlenausstattung

Exkurs: Das Lichtenfelser Tagblatt schrieb am 26. Mai 1951 unter der Schlagzeile "Modernste Mühle Süddeutschlands. 460 Jahre Kirschbaummühle Lichtenfels": "[...] Im Laufe von fast einem halben Jahrtausend entwickelte sich aus der kleinen Lohnmühle eine für Oberfranken immer mehr Geltung gewinnende Handelsmühle, die aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit neben den Großmühlen Süddeutschlands in den Verein bayerischer Handelsmühlen aufgenommen wurde.

[...] Durch einen umfassenden Neubau im Jahre 1932 mit mehrfacher Aufstockung des Hauptbetriebsgebäudes wurde die Anlage auf den damals technisch besten Stand gebracht und vor allem die Weizenmühle vervollkommnet, ein Umstand, der sich besonders in der Nachkriegszeit bewährte, als die Kirschbaummühle die Mehlversorgung weiter Landkreise aufrecht erhielt.

[...] In ihrem schönsten Schaffensdrang wurde die Kirschbaummühle im heißen Juli des vergangenen Jahres von einem schweren Schicksalsschlag heimgesucht [...]. Binnen weniger Stunden wurde die Mühle durch Feuer- und Wasserschäden völlig zerstört. Doch dank der Initiative des Betriebsinhabers und seiner Söhne wurde bereits nach einigen Tagen mit dem Wiederaufbau begonnen und jetzt - nach rund 10 Monaten - steht vor unseren Augen ein Unternehmen, dessen Produktionswiederaufnahme mit dem heutigen Tage nicht nur dem Unternehmen selbst, sondern auch der Allgemeinheit dienen dürfte. Sichtbar dominierend beherrscht der kühn emporstrebende Mühlenturm das Stadtbild, eine Meisterleistung unserer heimischen Firma Meidel & Dechant, die auch die massigen Gebälkkonstruktionen des Gesamtbaues schuf. Mit der Erhöhung und Verbreiterung des Turmes gewann auch das architektonische Bild des sieben Stockwerke umfassenden Gebäudes. [...] Auf acht vollautomatischen Doppelwalzenstühlen und einer dreiteiligen Soder-Mühle und damit 19 Passagen vollzieht sich der eigentliche Mahlprozeß. 

[...] Neuartig ist die Förderung der Mühlenprodukte in 27 durch 5 Stockwerke hindurchlaufenden Stahl- und Glasrohren mittels künstlich erzeugten Luftzuges. [...] An der maschinellen Ausgestaltung waren mitbeteiligt die Firmen Hartmann-Offenbach. Die Bauarbeiten wurden durch die Firma Hans Diroll, die Dachdeckerarbeiten von der Firma Andreas Bär, die Flaschnerarbeiten von der Firma Reinhold Scherer unter der Gesamtleitung des Architekten Hermann Berner ausgeführt. In wenigen Tagen wird die Firma Hanitzsch nach Einbau der Generatorenanlage auch ihr Elektrizitätsversorgungswerk wieder in vollen Betrieb nehmen." Lichtenfelser Tagblatt, Ausgabe Nr. 60 vom 26. Mai 1951, S. 14. Vgl. StadtALIF, Die Mainmühle, Manuskript von Heinrich Meyer, o. J., S. 24

1950/51

Instandsetzung Mühlen- und Silobau

Wiederherstellung nach Brand, Bauplan von 1950, Gesamtansicht Mühlenbau, Silobau und Getreidereinigungsturm von Osten (StAB K 14 BA Lichtenfels Bpl. Nr. 416/1950, AS)

Juli 1950

Brand des Mühlen- und Silogebäudes

1932

Bau/Erneuerung des Mühlengebäudes

1927

Gestaltung des Innenhofes in Richtung Coburger Straße hin

Errichtung einer Gartenmauer entlang der Coburger Straße, Bauplan von 1927

1922/23

Bau der Villa

Bauplan der Villa von 1922, Ansicht von Osten

1921

Neubau des Silogebäudes

Plan Silobau 1921/22. Bestandsbau im Bauplan von 1932, Ansicht von Osten (StAB K 14 BA Lichtenfels Bpl. Nr. 48/1932, AS)

1910/11

Bau des Wasserkraftwerks mit zwei Turbinen mit Unterstützung der Nordfränkischen Oberlandzentrale

Neubau Wasserkraftwerk 1910 (genehmigt 1914) Bau einer Turbinenanlage für Herrn Johann Kirschbaum in Lichtenfels. Lage-Plan M 1:1000, gez. Hans Diroll, Lichtenfels, 7. Juli 1910, Grundriss u.a., M 1:100, gez. Schneider, Jaquet Cie GmbH Strassburg-Koenigshofen i/E. Mühlenbau-Anstalt, 12. Nov. [19]10, genehmigt mit Beschluss v. 30.12.1913, Lichtenfels

19. Januar 1914 (StAB K14 BA Lichtenfels, Nr. 4314 Bd. 4).

1910

Übernahme des Mühlenbetriebs durch Johann Michael Kirschbaum, namensgebender Müller der Kirschbaummühle

1348

Erste urkundliche Benennung eines Mühlengebäudes an der Stelle der Kirschbaummühle im Besitz der Bischöfe von Bamberg

Lichtenfels Uraufnahme von 1851